Einen zu engen Sperrriemen zu tragen sei „wie einen Dauerlauf mit zusammengebissenen Zähnen“, schreibt Michael Geitner in einem Artikel über den Sperrriemen.

Na, das probieren wir jetzt aus!

Verschließen wir das Maul mit eng verschnallten Riemen, wird der gesamte Körper durch die festgestellten Kiefergelenke unelastisch.

Feste Kiefergelenke führen zu einem festen Genick, was unter anderem über die Muskelketten erklärbar ist. Dadurch wird der Rücken fest und kann nicht mehr durchschwingen. Die Pferde können sich demnach nicht losgelassen bewegen.

Wenn der Rücken nicht schwingt, werden über die Muskelketten auch die Gelenke der Extremitäten weniger federn.

Das probieren wir jetzt aus!

Ein festgestelltes Kiefergelenk entspricht einem Nasen- oder Sperrriemen, unter den kein Finger mehr geschoben werden kann. Das würde im Selbstversuch einem fest geschlossenen Unterkiefer entsprechen.

Für untenstehenden Selbstversuch wird eine etwas sanftere Variante gewählt. Der Unterkiefer wird nur leicht geschlossen gehalten, kleine Bewegungen sind möglich. Das dürfte vielen gängigen Kappzaum-Verschnallungen entsprechen.

Jetzt wird geturnt

Der Selbstversuch: Verhindert der zu enge Nasenriemen/Sperrriemen wirklich, dass sich Bewegungsstöße schlechter abfedern?

Das Ziel der nächsten 10 Minuten ist es, die Zähne aufeinander zu halten (nicht zu pressen).

Minute 1: Kurzes Aufwärmen. Auf einem Bein stehend habe ich das Gefühl, kann es aber nicht 100 Prozent bestätigen, dass mein Gleichgewicht schlechter ist als sonst. Das wäre mit dem Zungenbein erklärbar und mag ein Ansatz bei Pferden sein, die Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht haben (Nasen/Sperrriemen lockern und gegebenenfalls Osteopathen das Zungenbein kontrollieren lassen).

Minute 2: Was mir beim ruhigen Dehnen nach knapp 2 Minuten auffällt: Die Spucke sammelt sich im Mund und es fällt schwer, diese mit geschlossenem Mund abzuschlucken. Ich erinnere mich an Bilder schäumender Pferdemäuler.

Minute 3: Los geht’s: Hampelmänner, Kniebeugen und kurze Laufeinheiten mit Sprüngen und Laufen auf der Stelle mit hochgezogenen Knien.

Minute 3 – 4: Ich habe das Bedürfnis, meinen Nacken zu dehnen. Etwa seit der dritten Minute. Ich stelle mir vor, der Reiter/Ausbinder lässt mich nicht und halte durch.
Minute 5: Nach fünf Minuten werde ich kurz „widersetzlich“. Oder, da ich weiblich bin, vermutlich „zickig“. Der Nacken brennt. Ich halte kurz inne, dehne mich und lege wieder los. Besser!

Minute 6: Das Dehnen hat nur kurz geholfen. Ich bewege ganz leicht den Unterkiefer, weil ich langsam Kopfschmerzen bekomme. Wäre ein Sperrriemen straff gezogen, ginge nicht einmal das!

Minute 7: Faszinierend: Ich dachte erst, es ist Einbildung, doch es wird mit zunehmender Minutenzahl immer deutlicher: Mein Rücken, meine Beine, selbst die Fußgelenke federn nicht so wie sonst.

Minute 8: Knieschmerzen. Kurz danach bekomme ich Rückenschmerzen, diese sind mir sonst fremd. Die Waden beginnen zu brennen und Kopfschmerzen setzen ein.

10 Minuten können ziemlich lang sein. Ich breche ab. Sport, auch wenn er anstrengend ist, hinterlässt ein positives Gefühl. Mir hat dieser Versuch insbesondere an Kopf, Genick, Rücken, Knien und Waden nur negative Gefühle beschert.
Ich muss zugeben: Obwohl ich, nicht nur berufsbedingt, seit vielen Jahren Gegner von Sperrriemen bin. Obwohl wir deswegen Zäume konstruierten, die dem Pferd das Abkauen ermöglichen: Dieser Selbstversuch erschreckt mich sehr. Mir wurde jetzt erst wirklich bewusst, was der enge Nasenriemen für den gesamten Körper an Verspannungen, Schmerzen und Verschleiß bedeuten kann.

Äpfel und Birnen

Dieses kleine Experiment ist sicher nicht 1:1 übertragbar. Aber Äpfel mit Birnen werden nicht verglichen. Die Verbindung der Muskelgruppen und Faszien sind bei Mensch und Pferd nicht unähnlich.

Wichtige Unterschiede sind:

  • betrachtet man den Unterkiefer von der Seite, sieht er aus wie ein liegendes „L“. Der vertikale und der horizontale Ast stehen beim Menschen etwa in einem Verhältnis von 1:1, beim Pferd in einem Verhältnis von 1:2. Der horizontale Ast ist also doppelt so lang wie der Vertikale und stellt damit einen großen Hebel dar. Probleme am Kiefer wirken sich daher viel stärker auf das Kiefergelenk aus, als es das beispielsweise beim Menschen tut.
  • Im Selbstversuch wurden die Arme kaum belastet. Es gab entsprechend „nur“ Beeinträchtigungen und Schmerzen am Kopf und entlang der Wirbelsäule bis in die „Hinterhand“. Beim Pferd dürften die Beeinträchtigungen durch das feste Kiefergelenk an der Vorhand aber deutlich spürbar sein.
  • Pferde, deren Hufstellung und/oder Beschlag nicht optimal sind, werden zusätzlich „von unten“ beeinträchtigt. Gelenke und Wirbelsäule müssen in diesem Fall deutlich mehr kompensieren.
  • Der Unterkiefer wird bei falscher Anwendung des Nasenriemens/Sperrriemens noch stärker fixiert
  • Das Pferd bringt meist mehr als nur 8 Minuten Leistung

Fazit

Sich mit geschlossenem Kiefer sportlich zu betätigen ist sehr unangenehm. Man spürt, wie sehr der Körper blockiert, wenn man den Kiefer nicht bewegen kann. Außerdem fühlt sich jeder Bewegungsstoß ungefedert an. Mit geöffnetem Kiefergelenk fängt man diese Bewegungsstöße anders ab.
Überträgt man die innerhalb von 8 Minuten auftretenden Probleme auf das Pferd, muss jedem deutlich werden, dass das feste Zuziehen von Riemen am Maul mehr als nur ein Kavaliersdelikt ist. Das Maul fixierende Riemen an Zäumen sind mehr als „nur“ unbequem und damit „unfreundlich“ für das Pferd:

  • Der komplette Körper ist betroffen
  • Die Beeinträchtigungen insbesondere auf die Extremitäten und den Rücken sind enorm
  • Die Psyche leidet mit. Der Reiter fordert Bewegungsabläufe vom Pferd, die nicht ausgeführt werden können. Dafür wird es möglicherweise gestraft.

Der Sperrriemen oder Nasenriemen muss also angemessen locker verschnallt werden, wenn man nicht darauf verzichten kann. Das führt zu weiteren Fragen:

Wie locker muss der Nasenriemen verschnallt sein, damit man dem Pferd keinen Schaden zufügt? Gibt es standardisierte Kontrollmethoden? Wo genau wird gemessen? Legt man die Finger dabei übereinander oder nebeneinander? Und wohin genau?
Dazu bald mehr, und dann gibt’s hier auch kleine Helferlein für die Maulfreiheit zu gewinnen!

Hier geht’s zu Teil 1 dieser Serie zur Maulfreiheit: Welche Folgen kann ein zu enger Riemen verursachen?

Aktualisierung des Fachartikels von 9.2016.

Eine Meinung zu “Der Nasenriemen/Sperrriemen-Selbstversuch

  1. Pingback: Gebisslose Trense weit genug verschnallen ⋆ Dauberg&Roth

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