Wie fest muss ein Kappzaum sitzen?

Der Kappzaum ist ein wunderbares Hilfsmittel im Training mit dem Pferd. Doch wenn er zu fest verschnallt ist, kann er genau das Gegenteil bewirken: Er blockiert das Pferd. Im Körper. In der Psyche.

Wir erklären dir Schritt für Schritt, wie du die richtige Verschnallung findest – und warum sie so wichtig ist

Die 2-Finger-Regel – hilfreich oder irreführend?

Bekannt ist sie, die 2-Finger-Regel. Und doch weiß kaum jemand, wie man sie wirklich anwendet. Dafür braucht man nur zahlreiche fehlerhafte YouTube Videos ansehen. Mit der Flut von Fehlinformationen räumen wir auf.

In der Heeresdienstvorschrift 12 steht, die Riemen sollen so verschnallt sein, „dass das Pferd noch kauen kann.“ Die FN bricht das auf die sogenannte 2-Finger-Regel herunter:
Es ist genug Maulfreiheit gegeben, wenn „zwei Finger (eines durchschnittlichen Erwachsenen) zwischen Nasenrücken und Reithalfter Platz finden“

Dicke Arbeiter-Finger oder zarte Fingerchen? Araber oder Kaltblüter? Eine Regel kann nicht für alle Pferd-Mensch-Kombinationen gelten. Deswegen ist die Regel nicht schlecht. Früher waren es eben mehr Männer und im Typ ähnliche Pferde. Heute vergleichen wir Äpfel mit Birnen, wenn wir von der 2-Finger-Regel sprechen, aber völlig unterschiedlich dicke Finger oder unterschiedlich große Pferde haben. Logisch, oder?

Maul!

Pferde (und auch wir) kauen nicht vorne an den Schneidezähnen, sondern hinten mit den Backenzähnen. Die sieht man schlecht. Aber Wissenschaftler errechneten:

Um zum Kauen mindestens 1 cm Spielraum an den Backenzähnen zu haben, müssen sich die Schneidezähne mindestens 1,7 cm (bei einem Vollblut) bis mehr als 2 cm (bei einem Warmblut) öffnen.

Finger!

Hast du schon einmal deine Finger gemessen? Die internationale Gesellschaft für Pferdewissenschaften entwickelte ein Messgerät. Man hielt sich dabei an in der Humanmedizin geltende Mittelwerte von Fingern und stellte fest, dass zwei durchschnittliche Erwachsenenfinger nebeneinander am 2. Glied etwa 1,6 x 3,9 cm messen.

Ergebnis!

Nimmt man diese Maße des „durchschnittlichen Erwachsenenfingers“ und gleicht sie mit den 1,7 cm (VB) bzw. mindestens 2 cm (WB) Abstand zwischen den Schneidezähnen ab, müssen die Finger bis zum zweiten Glied unter die Riemen geschoben werden.

Und dieser Platz wird auch nur erreicht, wenn man oben auf dem Nasenrücken misst.

Wie eng darf ein Kappzaum sitzen? 2 Finger Regel

Das wäre geklärt. Es gibt eine Regel, doch sie hängt ab von 2 entscheidenden Faktoren:

  1. Misst du bei einem Pony oder bei einem Kaltblut?
  2. Hast du zarte oder dicke Finger?

Denn hier vergleichen wir Äpfel mit Birnen, wenn wir von der 2-Finger-Regel sprechen, aber völlig unterschiedlich dicke Finger oder unterschiedlich große Pferde haben. Logisch, oder?

Zusammengefasst:

Du hast kräftige Finger:

… oder Wurschtfinger, wie wir hier zu sagen pflegen 🙂

  • du wendest die 2-Finger-Regel bei deinem Vollblüter korrekt an, indem du 2 Finger nebeneinander unter den Nasenriemen schiebst.
  • wenn du einen großen Warmblüter hast, reichen 2 Finger nebeneinander aber vermutlich nicht aus. Du solltest die 2 Finger übereinander legen.

Du hast zarte Finger

Hast du eher zarte Finger?

  • du wendest die 2-Finger-Regel bei deinem Vollblüter korrekt an, wenn du die Finger übereinander unter den Nasenriemen schiebst.
  • Bei einem großen Warmblüter reichen 2 Finger nebeneinander auf keinen Fall. 2 Finger übereinander sind richtig.

Stell dir die Frage: „Warum schließe ich den Nasenriemen überhaupt so fest wie möglich?“ Versuche andersherum zu denken und lasse ihn so locker wie möglich.

Der Test

Ist dein Nasenriemen locker genug verschnallt?

Ist dein Nasenriemen locker genug verschnallt?

Du benötigst ein Maßband und eine oder mehrere dicke Karotten.

Schneide mehrere Karottenstücke ca. 1,7 cm hoch für einen mittleren Pferdekopf (zum Beispiel VB). Bei einem größeren Warmblut sollte das Karottenstück mindestens 2 cm hoch sein.

Verschnalle Deinen Kappzaum oder Trense wie gewohnt.

Dann kann der Test starten:

Kann Dein Pferd das Karottenstück problemlos aufnehmen und kauen?
--> Super!

Kannst Du in dieser Einstellung 2 Finger nebeneinander oder übereinander unter den Nasenriemen schieben?

Merk dir „dein Maß“, also deine persönliche 2-Finger-Regel, die für deine Finger und dein Pferd gelten. Diese Einstellung deines Nasenriemens ist das Mindeste, was dem Pferd zusteht. Lockerer ist immer besser. Probiere es aus!

Kann dein Pferd das Karottenstück nicht gut nehmen oder nicht gut kauen? Das merkst du zum Beispiel daran, dass Karottenstücke wieder aus dem Maul fallen, oder es insgesamt Mühe mit dem Kauen hat.

Es empfiehlt sich auch, die Finger unter vorhandene Polster zu legen und auch an die Unterkieferäste. Vorsicht, ist der Nasenriemen zu fest verschnallt, kann man sich fies die Finger quetschen!

Wenn du merkst, es ist zu eng verschnallt: das Reithalfter/Kappzaum stückweise lockerer schnallen, bis Dein Pferd die Karotte gut nehmen kann. Dann kannst du im grünen Feld weiterlesen.

Dein Pferd kann das Karottenstück kaum oder garnicht aufnehmen, oder kaum oder garnicht kauen? Dann ist dein Nasenriemen oder Sperrriemen zu eng verschnallt. Das kann schlimme Auswirkungen für dein Pferd haben. Lies bei Orange weiter. Du schaffst es sicher, etwas lockerer zu schnallen. Macht dir das Angst? Wir können dir raten, dich an einen Pferdetrainer zu wenden, der/die es gut mit dir als Mensch und gut mit deinem Pferd meint.

Achtung: Pferde lieben Karotten und werden mit aller Kraft versuchen, sie ins Maul zu befördern. Leder dehnt sich und Polster täuschen oft eine falsche Maulfreiheit vor. Taste daher mit dem Finger nach, wie im orangenen Feld beschrieben.

Trensen

Führe zwei Finger (nebeneinander oder übereinander, Erklärung dazu oben im Text) bis zum zweiten Fingerglied unter den Nasenriemen. Und zwar oben auf dem knöchernden Nasenrücken – nicht seitlich davon!

Oder nutze den Karotten-Test mit einem Stück von 17–20 mm Höhe.

Nicht enger als unbedingt nötig. Die Faustregel lautet: So locker wie möglich, so fest wie nötig (falls überhaupt nötig!) – aber immer mit funktionierender Maulfreiheit. Das Mindestmaß an Maulfreiheit hast du erreicht, wenn du nach der 2-Finger-Regel verschnallst, wie wir sie hier erklärt haben.

So locker, dass das Pferd ungestört kauen und schlucken kann. Zwei Finger (bis zum zweiten Fingerglied!) müssen problemlos unter den Riemen passen – oder das Pferd muss ein 17–20 mm hohes Karottenstück aufnehmen können. Und zwar ohne, dass die Zäumung schmerzhaft drückt.

Im Sport müssen die Kontrahenten möglichst fair bewertet werden. Die Ausrüstung ist daher klar reglementiert. Doch es ist ein Sport, in dem viele Frauenhände mitmischen, mit einer Regel, die auf Männerfingern zu basieren scheint. Da muss es doch ein einfaches, einheitliches Messsystem geben?

Ja, das gibt es. Zum Beispiel das ISES TAPER GAUGE. Leider wurde es in Deutschland bisher nicht offiziell eingeführt.

Ein zu enger Nasenriemen stört die Speichelproduktion und erschwert das Schlucken – dadurch wird Magensäure nicht gepuffert. Das Risiko für Magengeschwüre steigt.

Sperrriemen

Es reicht nicht, allein den Sperrriemen zu kontrollieren. Jeder Riemen, der das Maul umschließt, muss überprüft werden. Ein lockerer Sperrriemen bei festem Nasenriemen verhindert das Öffnen des Pferdemauls gleichermaßen, wie Studien feststellten.

Der Sperrriemen liegt unterhalb des Nasenriemens und wird so locker verschnallt, dass zwei Finger leicht dazwischenpassen. Die Finger müssen bis zum 2. Fingerglied unter den Sperrriemen geschoben werden. Gemessen wird immer direkt oben auf dem knöchernden Nasenrücken. Seitliches Messen ist nicht aussagekräftig!

Die Schnalle liegt seitlich, nicht auf den empfindlichen Unterkieferästen.

Nein. In der Regel behindert er das Pferd beim Kauen und fördert Verspannungen, Schmerzen und Unmut.

Ein Sperrriemen darf nicht das Öffnen des Mauls blockieren. Zwei Finger müssen auch hier problemlos untergelegt werden können. Nicht seitlich, sondern oben auf dem Nasenrücken messen.

Sperrriemen haben oft keine sinnvolle Funktion mehr. Wenn das bei dir auch so ist: nimm ihn am besten ab. Dem Pferd das Maul zuzusperren, darf nie der Grund dafür sein, einen Sperrriemen anzulegen!

Wichtig: Auch ein lockerer Sperrriemen hilft nicht, wenn der Nasenriemen zu fest geschnallt ist. Beide Riemen müssen nach der 2-Finger-Regel, wie sie hier erklärt wird, verschnallt werden.

Kappzaum und gebisslose Zäume

Ein Kappzaum darf niemals das Öffnen des Mauls verhindern. Zwischen Nasenrücken und Nasenriemen sollten mindestens 17–20 mm Platz sein. Das hängt etwas von der Kopfgröße des Pferdes ab. Wenn du es messen möchtest: mach den Karottentest!

Dann passt der Kappzaum entweder nicht optimal, oder es ist zu viel Zug auf der Longe. Es ist besser, im Training einen Schritt zurückzugehen oder etwas zu verändern, wenn Dinge nicht gut funktionieren. Zuviel Zug auf der Longe ist oft ein Zeichen fehlender innerer oder äußerer Balance. Daran kannst du mit gezielten Übungen arbeiten. Und was die Passform des Kappzaums angeht: da helfen wir dir gerne weiter!

Ja. Auch gebisslose Trensen dürfen das Pferdemaul nicht blockieren. Die Maulfreiheit muss immer gewährleistet sein. Auch gebisslose Zäume müssen also nach der hier erklärten 2-Finger-Regel verschnallt werden.

Folgen zu eng geschnallter Zäume

Hier findest du eine Liste typischer Symptome, die mit Maul- und Kieferprobleme zu tun haben können:

  • Schluckbeschwerden (Pferde speicheln stark). Der vermehrte Speichel im Maul kann zu vermehrtem Stress führen
  • Reizung von Nerven (je nach Lage des zu eng geschnallten Riemens). Dies kann zu Schmerzen führen, insbesondere zu der gefürchteten Trigeminus-Neuralgie.
  • Verwerfen, Kopfnicken/-schütteln bis hin zum Headshaking
  • Verletzungen im Maul, wenn die Schleimhäute an die Zähne gepresst werden
  • Schmerzen im Maul, vornehmlich bei jungen Pferden, die sich im Zahnwechsel befinden
  • Zähne knirschen, blaue Zunge. Pullen gegen das Gebiss. Zügel aus der Hand ziehen
  • Festgehaltenes Genick durch festgehaltene Kiefergelenke: führt zu wiederkehrenden Blockaden an den Halswirbeln und als Kompensation in Folge zu weiteren Blockaden
  • Festgehaltener Rücken. Das Pferd wird schwer zu sitzen. Erschwerte Lastaufnahme mit Auswirkungen auf den gesamten Körper
  • Pferde rennen. Oder sie laufen verhalten mit wenig Untertritt
  • Das Pferd gähnt oder flehmt nach dem Reiten
  • Es wirkt maulfaul, zieht gegen die Hand, ist „widersetzlich“
  • Es läuft mit hohem Hals, verwirft sich, hält sich im Rücken fest
  • Es hat Magengeschwüre trotz guter Haltung und Fütterung
  • Festgehaltenes Genick durch festgehaltene Kiefergelenke: führt zu wiederkehrenden Blockaden an den Halswirbeln und als Kompensation in Folge zu weiteren Blockaden
  • Festgehaltener Rücken. Das Pferd wird schwer zu sitzen. Erschwerte Lastaufnahme mit Auswirkungen auf den gesamten Körper

Die Symptome können auch andere Ursachen haben. Aber in solchen Fällen die Nasenriemen zu überprüfen, ist immer eine sinnvolle Idee!

… die Psyche.

Der Reiter fordert Bewegungsabläufe vom Pferd, die es durch die zu festgeschnallten RIemen nicht oder nur schlecht ausgeführen kann. Dafür wird es möglicherweise gestraft.

Man muss sich das wirklich verdeutlichen:

Das Pferd wird aufgefordert, taktvoll, losgelassen und schwungvoll zu laufen. Es kann der Aufforderung nicht, oder nicht lange, nachkommen, wenn es nicht kauen kann. Um es mit den Worten von Gerd Heuschmann zu sagen: „Jedweder Widerstand am Genick macht den Zugang zum Rumpf unmöglich!“. Und das gilt auch am Kappzaum oder mit gebissloser Trense.

Das Pferd würde vielleicht tun, was wir möchten. Kann aber nicht. Für Pferde ist das frustrierend. Zumindest anfangs teilen sie uns das noch mit. Der eine lauter, der andere leiser. Das Pferd sagt „ich kann nicht“, der Mensch hört oft „der will nicht“ oder geht anderweitig auf Ursachen-Suche.
Sowohl unter dem Reiter, als auch an der Longe: immer werden mit zu festen Riemen unter ihren Möglichkeiten laufen und immer wird es körperliche und seelische Probleme nach sich ziehen.

Sperrriemen – ich reite doch gebisslos!

Auch gebisslose Trensen werden oft zu eng verschnallt.

Über Sperrriemen wird viel diskutiert. Zurecht! Nur geht dabei unter, dass der zu fest zugezogene Sperrriemen allein nicht das Problem ist. Schon vor einigen Jahren untersuchten Kathrin Kienapfel und Holger Preuschoft das Verschnallen von Nasenriemen und Sperrriemen. Ergebnis: es ist unerheblich, ob der Sperrriemen oder der Nasenriemen fest angezogen ist. Maßgebend ist der enger verschnallte Riemen.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Ist kein Sperrriemen vorhanden, muss der Nasenriemen so locker sein, dass das Pferd kauen kann. Ergo gilt die 2-Finger-Regel auch für Trensen ohne Sperrriemen, für gebisslose Trensen und  Kappzäume.

Ein Pferd, das sich im Kiefergelenk festhält oder festgehalten wird, kann nicht locker im Genick sein. Ohne lockeres Genick: kein lockerer Rücken. Dafür sorgen die Muskelketten. Dies ist nun keine neue Erkenntnis. Von der HdV 12 bis zu den FN-Richtlinien und Reitweisen-übergreifend: hier gibt es keine zwei Meinungen. Auch die alten Reitmeister wussten: Das Pferd muss kauen können!

Fazit

Achtet eurem Pferd zuliebe darauf, es nicht mit einem zu engen Nasenriemen zu blockieren. Auch die gebisslose Trense oder der Kappzaum bewahren nicht vor diesem Fehler. Kein Spezialfutter für bessere Muskulatur, kein Medikament gegen Magengeschwüre und keine osteopathische Behandlung kann auf Dauer greifen, wenn das Pferd gezäumt kaum kauen kann.

Zum Weiterlesen eine sehr interessante Studie, die hier von ProPferd.at kurz auf Deutsch zusammengefasst wurde. Unsere gesammelten Blogartikel zum Thema Maulfreiheit findest du hier.

Weiterführende Links

Hier geht es zu einem Artikel, warum man besonders bei Pferden mit Magenproblemen auf ausreichend Maulfreiheit achten sollte.

Bei Dr. Kathrin Kienapfel gibt es weitere wissenschaftliche Publikationen, auch zum aktuell diskutierten Aufrollen des Pferdehalses.

Mehr zur FN-2-Finger-Regel findest du hier.