Kappzaum richtig anpassen: Worauf du bei Genickstück, Backenstücken und Nasenriemen achten solltest
Ein gut angepasster Kappzaum soll sicher sitzen, ohne Druckstellen zu verursachen oder empfindliche Bereiche am Pferdekopf einzuengen. Entscheidend sind dabei nicht einzelne Maße allein, sondern das Zusammenspiel von Genickstück, Stirnriemen, Backenstücken, Ganaschenriemen, Kehlriemen und Nasenriemen.
In diesem Artikel erfährst du, woran du eine sinnvolle Passform erkennst, worauf du beim Kappzaum anpassen achten solltest und welche einfachen Prüfgriffe dir bei der Beurteilung helfen.
1. Das Genickstück:
1a) Platz zwischen Genickstück und Ohren
Pferde bewegen ihre Ohren ständig. Das Genickstück darf diesen Bewegungsspielraum nicht einengen. Liegt es zu nah am hinteren Ohransatz, kann das für das Pferd unangenehm sein.
Testgriff1: Ohrfreiheit:
Lege einen Finger zwischen Ohr und Genickstück und taste vorsichtig entlang. Entsteht dabei bereits spürbarer Druck, ist der Abstand zu gering. Prüfe das auch bei gepolsterten Genickstücken: Polster können zusätzlichen Platz beanspruchen.
Blickschulung: Auf den ersten Blick sieht hier nichts problematisch aus. Doch das Tasten ergibt: Das Genickpolster liegt auf dem Ohrknorpel. Und auch der Genickriemen lässt dem Ohr zu wenig Raum.
Ursachenforschung
Häufige Ursachen für Platzmangel zwischen Genickstück und Ohren:
Polster
Polster sind gut gemeint, doch sie können Probleme verursachen: Denn Polster brauchen Platz. Nicht anatomisch geschnittene Polster beanspruchen den Platz, den das Ohr zur Bewegung braucht. Natürlich ist es angenehmer, mit dem Ohr gegen die Kante des Polsters, als gegen die Kante des Genickstücks zu stoßen. Doch ein gut sitzender Zaum sollte generell nicht so nah an den Ohren liegen.
Ein Polster benötigt das Pferd, wenn es empfindlich oder vorgeschädigt ist. Oder wenn ein schwerer Zaum (zum Beispiel Kappzaum mit massivem Naseneisen) nur einen schmalen Riemen am Genick hat. Denn das Gewicht des Zaums verteilt sich über eine breite Auflage oder ein Polster besser. Heutzutage gibt es genug leichte Alternativen.
Anatomisch geformte Polster können eingeengten Ohren bessere Bewegungsfreiheit geben.
Auch eine andere Art Polster ist eine Lösung, wenn der Zaum zu nah an den Ohren liegt: Es platziert das Genickstück zurück und entlastet den Austrittsbereich des Trigeminusnervs.
Ansonsten gilt abzuwägen, ob Du mit einem Polster den Komfort für das Pferd erhöhst. Oder ob das gutgemeinte Polster den Komfort – in diesem Fall die freie Beweglichkeit der Ohren – nicht einschränkt.
Schnitt der Zäumung
Sind die Backenstücke zu weit vorne angebracht, sitzt das Genickstück zu nah an den Ohren. Man sieht es oft daran, dass die Backenstücke nah an der Jochbeinleiste verlaufen.
Zu kurzer Stirnriemen
Ist der Stirnriemen zu kurz, kann er neben Druckschmerzen und Kopfschmerzen kraniosakrale Probleme nach sich ziehen. Und: zu kurze Stirnriemen ziehen das Genickstück zu nah an die Ohren.
Testgriff 2 Stirnriemen:
Nimm den Stirnriemen ab und zäume das Pferd ohne Stirnriemen auf. Schließe alle Schnallen. Nun nimm den Stirnriemen und leg ihn an die Stirn des Pferdes. Reichen seine Enden bis zur Zäumung, oder muss der Stirnriemen länger sein?
1b) Verursacht das Genickstück Druck?
Das Genickstück kann nicht nur gegen die Ohren drücken. Es darf auch nicht zu viel Druck nach unten entstehen. Am Genick laufen auf engstem Raum Nerven, Gefäße, Meridiane, hier liegen Schleimbeutel und viele Muskeln. Sie reagieren empfindlich auf Druck. Für das Pferd ist die „Wohlfühlzone Genick“ nicht nur körperlich wichtig. Als Reiter möchten wir, dass das Pferd sich im Genick frei bewegt.
Testgriff 3: Druck am Genickstück:
Ursachenforschung:
Diese Ursachen bringen Druck auf das Genick:
Polster eingeschoben:
Wenn eine vorher gutsitzende Zäumung ein zusätzliches Genick-Polster erhält, musst du das Genickstück weiter verstellen. Sonst entsteht mehr Druck am Genick als zuvor.
falsche Handhabung
Ist der Zaum, wie beispielsweise bei Kappzäumen üblich, mit einem Ganaschenriemen ausgestattet? Dann musst du erst den Ganaschenriemen, dann den Kinnriemen schließen. Schließt du erst den Kinnriemen und danach den Ganaschenriemen, kann Druck am Genickstück entstehen.
falsche HandhabungÂ
Du ziehst jeden Riemen zu fest. Vielleicht, weil du es so gelernt hast, oder ein erhöhtes Sicherheitsempfinden hast. Egal warum: es ist fatal für das Pferd. Wie du den Nasenriemen pferdegerecht verschnallst, haben wir hier beschrieben. Diese Artikel gelten gleichermaßen für Kappzäume, gebisslose Zäume und Zaumzeuge mit Gebiss.
Genickstücke, die das Nackenband freilassen:
Wenn Polster links und rechts am Genickstück angebracht sind, um in der Mitte das Nackenband zu entlasten, kann das Probleme verursachen. Druck auf dem Nackenband ist oft das kleinere Problem. Ganz anders Druck auf den Schleimbeuteln oder anderen empfindlichen Strukturen, die neben dem Genick liegen. Das gilt insbesondere dann, wenn Pferde sich in der Vergangenheit ins Halfter gehängt oder sehr eng gearbeitet wurden. Dadurch entstehen nicht selten Schäden, beispielsweise an den Schleimbeuteln. Bitte beobachte bei einem solchen Genickstück genau, ob nicht eben diese Bereiche belastet werden. Hier hilft nur: ausprobieren, was dem Pferd angenehmer ist.
2. Ganaschenriemen
Auch Backenriemen genannt. Er hält das Backenstück des Kappzaums an Ort und Stelle. So vermeidet er, dass das Backenstück bei starkem Zug an der Longe ins Auge rutscht. Heutzutage achten Hersteller mehr darauf, dass die Backenstücke hinter dem Jochbein liegen. Die Backenstücke solcher Kappzäume laufen relativ weit vom Auge entfernt und der Ganaschenriemen kann leicht anliegend verschnallt werden.
Von der Höhe her liegt der Riemen, seiner Aufgabe entsprechend, zwischen innerem und äußerem Augenwinkel.
Testgriff 4: Ganaschenriemen
Eine flache Hand unter den Backenriemen schieben. Geht das, liegt er leicht an. So ist es richtig. Ist er zu eng verschnallt, erkennst du das daran, dass das Backenstück einen Knick im Verlauf bekommt. Der Riemen darf nie so eng verschnallt sein, dass er die Lage des Backenstücks verzieht
3. Kehlriemen
Sie werden nach der „Faustregel“ verschnallt: eine Faust soll zwischen Riemen und Kehle passen. Dieses Maß ist bei vielen Pferden zu üppig, sodass der Riemen seinen Nutzen nicht erfüllen kann. Denn auch wenn sich der Mythos hält, dass der Kehlriemen seit Kriegszeiten keinen Nutzen mehr habe: er kann – je nach Bauart des Kopfstücks – verhindern, dass sich das Genickstück über die Ohren hebt.
4. Die Backenstücke
Kappzaum Backenstück – worauf du achten solltest
Das Backenstück eines Kappzaums verbindet das Genickstück mit dem Naseneisen. Es verläuft seitlich am Pferdekopf entlang – und genau hier ist besondere Sorgfalt beim Kappzaum anpassen gefragt. Die Schnalle, die Genickstück und Backenstück verbindet, sollte sich etwa auf Augenhöhe des Pferdes befinden – niemals auf Höhe des Kiefergelenks!
Denn am Kiefergelenk liegt die Haut fast direkt auf dem Knochen. Hier hat das Pferd keinerlei Polster – harte Schnallen oder Ringe haben an dieser Stelle nichts verloren. Wenn du mit dem Finger vom Kiefergelenk aus leicht nach unten gleitest, merkst du, wie das Gewebe weicher wird. Auf dieser weicheren Muskulatur darf die Schnalle liegen.
Testgriff 5: Schnalle des Backenstücks
Wähle die Länge der Backenstücke so, dass die Schnalle unterhalb des Kiefergelenks auf weichem Gewebe liegt – nicht auf dem Knochen. Alles, was hart oder kantig ist – also Schnallen, Knoten, Metallringe – sollte niemals direkt auf knöchernen Strukturen des Pferdekopfs zu liegen kommen. Wenn die Schnallen zu nah am oder sogar direkt auf dem Kiefergelenk liegen, sind die Backenstücke zu lang.
Das Kappzaum Backenstück muss in sicherer Entfernung vom Auge liegen
Testgriff 6: Backenstück – Auge:
Die Backenstücke müssen so verlaufen, dass sie auch bei Zug oder leichter Verdrehung nicht in Augennähe geraten.
Test bei gebisslosen Zäumen oder Sidepulls:
Ziehe bewusst an einem Zügel. Das Backenstück auf der Gegenseite darf sich nicht in Richtung Auge bewegen.
Test beim Kappzaum:
Ziehe seitlich am mittleren Ring. Auch hier darf das gegenüberliegende Backenstück nicht gefährlich nah ans Auge geraten.
Ein korrekt verschnallter Ganaschenriemen kann die Seitenstabilität verbessern.
Die Lage am Jochbein
Direkt am und unter dem Jochbein verlaufen empfindliche Strukturen dicht unter der Haut. Kein Riemen sollte das Jochbein kreuzen.
Faustregel: Mindestens ein Finger breit Abstand zur Jochbeinleiste!
Achte besonders auf gebisslose Zäume wie Sidepulls, die einen Ring am unteren Ende haben: Wird der Ring zu hoch verschnallt, kann er unangenehm gegen das Jochbein drücken.
5. Die richtige Lage des Nasenriemens
Ein korrekt sitzender Nasenriemen ist entscheidend für die Atmung, das Wohlbefinden und die gymnastische Entwicklung deines Pferdes. In diesem Artikel erfährst du, worauf du bei der Höhe, Polsterung und Verschnallung achten sollten – verständlich erklärt und wissenschaftlich fundiert.
Höhe des Nasenriemens: Weder zu tief noch zu hoch
Die richtige Lage des Nasenriemens ist etwa zwei Finger breit unterhalb des Jochbeins. Ist der Platz am Pferdekopf knapp, kann auch ein Finger Abstand ausreichen – besser etwas höher als zu tief verschnallt. Viele Pferde mögen die etwas höhere Verschnallung lieber. Beim Glücksrad und ähnlichen Konstruktionen gilt: Das Speichenrad (oder sein Äquivalent) sollte ebenfalls mit einem Finger Abstand zum Jochbein liegen.
Warum zu tiefe Nasenriemen problematisch sind
Liegt der Nasenriemen zu tief, gerät er auf den empfindlichen, knorpeligen Teil des Nasenbeins – ein Bereich, der leicht verletzt werden kann. Zudem kann das die Atmung behindern: Pferde benötigen für eine freie Atmung nicht nur die sichtbare Öffnung der Nüstern. Sie benötigen auch die sogenannte „Trompete“ über den Nüstern zum Weiten der Atemwege.
Und was ist mit zu hoch?
Auch eine zu hohe Verschnallung ist keine Lösung: Direkt unter dem Jochbein verlaufen wichtige Nerven und Blutbahnen, die nicht eingeengt werden dürfen. Deshalb gilt für die richtige Lage des Nasenriemens: Zwei Finger Abstand zum Jochbein und vier Finger oberhalb der Nüstern.
Diese Werte sind kein starres Gesetz. Sie helfen nur bei der ersten Orientierung. Entscheidend ist die individuelle Anatomie des Pferdes.
6. Verschluss & Maulfreiheit: Warum zwei Finger Pflicht sind
Zwischen Nasenriemen und Nasenrücken sollten zwei Finger locker Platz haben. Bei kleineren Pferden nebeneinander, bei größeren übereinander. So stellst du sicher, dass das Kiefergelenk beweglich bleibt und das Pferd sich entspannt im Genick stellen kann – eine Grundvoraussetzung für gesunderhaltendes Training. Warum nur dieses Maß richtig ist? Dem sind wir wissenschaftlich auf den Grund gegangen: Hier kannst du dein Wissen vertiefen.
Testgriff 7: Maulfreiheit:
Führe zwei Finger mittig auf der Nase unter den Nasenriemen. Und zwar bis zum ersten Fingergelenk. Achtung: Nicht nur die Fingerkuppen! Seitlich oder am Unterkiefer zu messen, liefert keine verlässlichen Ergebnisse.
Folgen zu fester Verschnallung
Ein zu eng verschnallter Nasenriemen kann weitreichende Folgen haben:
- Nervenreizungen bis hin zu Trigeminus-Neuralgien
- Headshaking, Kopfschlagen oder Verwerfen
- Blockaden in Genick, Hals und Rücken durch festgehaltene Kiefergelenke
- Einschränkungen der Atmung
- Verletzungen der Maulschleimhäute
- Schmerzen im Maul, insbesondere bei jungen Pferden, die sich im Zahnwechsel befinden.
- Zähne knirschen, Zügel aus der Hand ziehen
- Pferde rennen oder laufen verhalten mit wenig Untertritt.
- gestörte Losgelassenheit und fehlende Hankenbeugung
Kurzum: Ein festgezogener Riemen verhindert jede gesunderhaltende Bewegung – auch bei der richtigen Lage des Nasenriemens. Pferde müssen das Maul öffnen können, um das Kiefergelenk und damit das Genick zu entspannen. Ist das Genick nicht entspannt, zieht sich das durch den Rücken und den gesamten Körper.
7. Polster
Polsterung des Nasenriemens
Ein leicht gepolsterter Nasenriemen kann den Druck angenehmer verteilen. Sehr dicke Polster haben aber Nachteile:
- sie machen das Nasenteil voluminöser
- sie können die Lage instabil machen
- sie verleiten dazu, den Riemen zu eng zu schließen
- sie können je nach Form die Sicht nach unten beeinflussen (Laut LPO sind sogenannte „Bodenblenden“ bis 3 cm erlaubt. Einige Nasenriemen samt Polster überschreiten diese Grenze – besonders bei dicken Schaffellaufsätzen.)
Polster am Kinnriemen: Wann sie sinnvoll sind
Ein korrekt verschnallter Kinnriemen liegt locker am Unterkiefer. Ein zusätzliches Polster ist nicht zwingend notwendig, aber manchmal sinnvoll – solange es nicht dazu verleitet, den Riemen zu eng zu schließen. Wichtig ist: Der Kinnriemen sollte breit genug sein, damit beim Kauen keine unangenehmen Druckstellen entstehen.
8. Zügelringe: Verborgene Druckpunkte erkennen
Sind Zügelringe seitlich am Nasenriemen angebracht, lohnt sich ein Blick auf die Befestigung: Nieten, Schrauben oder Stifte können durch das Leder drücken – und so unangenehme Druckpunkte auf dem Nasenrücken erzeugen.
Tipp zur Überprüfung:
Fahre mit der Hand über die Innenseite des Nasenriemens. Alles muss glatt und sauber verarbeitet sein.
Kappzaum anpassen: Fazit
Ein gut angepasster Kappzaum liegt ruhig, ohne zu drücken oder zu verrutschen. Entscheidend sind:
- genügend Platz an den Ohren
- ein druckarmes Genickstück
- korrekt liegende Backenstücke mit Abstand zu Auge, Jochbein und Kiefergelenk
- ein stabilisierender, aber nicht straffer Ganaschenriemen
- ein sinnvoll platzierter und locker verschnallter Nasenriemen
Nicht ein einzelnes Detail entscheidet über die Passform, sondern das Zusammenspiel aller Teile.
Kappzaum anpassen: Kurze Checkliste
Prüfe bei deinem Kappzaum:
- Hat das Pferd ausreichend Ohrfreiheit?
- Liegt das Genickstück ohne unnötigen Druck?
- Zieht der Stirnriemen das Kopfstück nach vorn?
- Stabilisiert der Ganaschenriemen, ohne zu verziehen?
- Haben die Backenstücke sicheren Abstand zum Auge?
- Liegen Schnallen und Ringe nicht auf Knochen?
- Sitzt der Nasenriemen weder zu hoch noch zu tief?
- Haben zwei Finger mittig unter dem Nasenriemen Platz?
