Teil 2 der Serie zum Thema Maulfreiheit – auch bei Kappzaum und Co

Pferd_gähnen_daubergrothLiest man Teil 1 dieser Serie wird klar, dass Riemen die das Maul zu sehr fixieren dem Pferd vielfach Schaden zufügen können.

Herr Geitner schreibt in seinem gelungenen Artikel über den Sperrriemen, einen solchen Riemen zu tragen wäre wie ein Dauerlauf mit zusammengebissenen Zähnen. Das klingt plausibel. Was passiert dabei mit dem Körper?

Wird das Maul mit Riemen verschlossen, wird der gesamte Körper durch die festgestellten Kiefergelenke unelastisch. Feste Kiefergelenke führen zu einem festen Genick. Der Rücken wird fest und kann nicht mehr durchschwingen. Die Pferde können sich demnach nicht losgelassen bewegen. Wenn der Rücken nicht schwingt, werden über die Muskelketten auch die Gelenke der Extremitäten weniger federn. So die Theorie! Aber wie fühlt sich das für das Pferd an?

Will man den Zustand simulieren, bei dem unter den Nasen- oder Sperrriemen kein Finger mehr geschoben werden kann, müssten in einem Selbstversuch die Zahnreihen wohl fest aufeinander gedrückt werden. Für untenstehenden Selbstversuch wird eine etwas sanftere Variante gewählt. Der Unterkiefer wird nur leicht geschlossen gehalten, kleine Bewegungen sind möglich. Das dürfte vielen gängigen Kappzaum-Verschnallungen entsprechen.

Menschen, die den Kappzaum nutzen, sind oft gut geschult und nicht daran interessiert ihrem Pferd das Maul zu verbieten. Dennoch funktionieren viele Kappzäume nur – natürlich abhängig von der Arbeitsweise – wenn sie relativ fest sitzen.

Verrutschen angemessen locker verschnallte Zäume

  • kommt das Backenstück oft dem Auge bedrohlich nahe
  • wird bei Kappzäumen ohne Naseneisen die Einwirkung schwammig
  • erzeugen Kappzäume mit nicht gutsitzenden Naseneisen Druckspitzen

Jetzt wird geturnt!

Hiermit erfolgt die Einladung zum Selbstversuch! Verhindert der zu enge Nasenriemen/Sperrriemen wirklich, dass sich Bewegungsstöße schlechter abfedern?

Die Voraussetzung für den Selbstversuch ist eine gewisse Grundkondition. Anders lässt sich dieses Experiment nur schwer ausführen. Denn wir atmen bei vermehrter Anstrengung durch den Mund und öffnen dabei den Kiefer.

Da Pferde meist auf weichem Hallenboden gearbeitet werden, findet der Versuch auf einer Gymnastikmatte statt, diese liegt auf einer Wiese. Das Ziel der nächsten 10 Minuten ist es, die Kiefer nicht zu öffnen und die Zähne aufeinander zu halten (nicht zu pressen).

  1. Minute: kurzes Aufwärmen. Auf einem Bein stehend habe ich das Gefühl, dass mein Gleichgewicht schlechter ist als sonst. Das wäre mit dem Zungenbein erklärbar und mag ein interessanter Ansatz bei Pferden sein, die Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht haben (Nasen/Sperrriemen lockern und gegebenenfalls Osteopathen das Zungenbein kontrollieren lassen).
  2. Minute: beim Dehnen fällt auf, wie sich die Spucke im Mund sammelt und es schwer fällt, diese mit geschlossenem Mund abzuschlucken. Ich erinnere mich an Bilder schäumender Pferdemäuler.
  3. Minute: los geht´s: Hampelmänner, Kniebeugen und kurze Laufeinheiten mit Sprüngen und Laufen auf der Stelle mit hochgezogenen Knien.Sperrriemen_selbstversuch
  4. Minute: ich habe das Bedürfnis, meinen Nacken zu dehnen. Etwa seit der dritten Minute. Ich stelle mir vor, mein Reiter lässt mich nicht und halte durch.
  5. Minute: ich werde kurz „widersetzlich“. Oder, da ich weiblich bin, vermutlich „zickig“. Der Nacken brennt. Ich ignoriere meinen imaginären Reiter. Ich halte kurz inne, dehne mich und lege wieder los. Besser!
  6. Minute: Das Dehnen hat nur kurz geholfen. Ich bewege ganz leicht den Unterkiefer, weil ich langsam Kopfschmerzen bekomme. Wäre ein Sperrriemen straff gezogen, ginge nicht einmal das!
  7. Minute: Faszinierend: Ich dachte erst, es ist Einbildung, doch es wird mit zunehmender Minutenzahl immer deutlicher: Mein Rücken, meine Beine, selbst die Fußgelenke federn nicht so wie sonst.
  8. Minute: Knieschmerzen. Kurz danach bekomme ich Rückenschmerzen, diese sind mir sonst fremd.  Die Waden beginnen zu brennen und Kopfschmerzen setzen ein.

10 Minuten können ziemlich lang sein. Ich breche ab. Sport, auch wenn er anstrengend ist, hinterlässt ein positives Gefühl. Mir hat dieser Versuch insbesondere an Kopf, Genick, Rücken, Knien und Waden nur negative Gefühle beschert.

Ich muss zugeben: Obwohl ich nicht nur berufsbedingt seit vielen Jahren Gegner von Sperrriemen bin, und wir Zäume konstruieren, deren Nasenteil dem Pferd das Abkauen ermöglichen, erschreckt mich dieser Selbstversuch sehr. Mir ist jetzt erst wirklich bewusst, was der enge Nasenriemen für den gesamten Körper an Verspannungen, Schmerzen und Verschleiß bedeuten kann.

Äpfel und Birnen

Dieses kleine Experiment ist sicher nicht 1:1 übertragbar. Aber Äpfel mit Birnen werden nicht verglichen. Die Verbindung der Muskelgruppen und Faszien sind bei Mensch und Pferd nicht unähnlich.

Kurz angemerkt sei noch:

  • skull-646628_1920betrachtet man den Unterkiefer von der Seite, sieht er aus wie ein liegendes „L“. Der vertikale und der horizontale Ast stehen beim Menschen etwa in einem Verhältnis von 1:1, beim Pferd in einem Verhältnis von 1:2. Der horizontale Ast ist also doppelt so lang wie der Vertikale und stellt damit einen großen Hebel dar. Probleme am Kiefer wirken sich daher viel stärker auf das Kiefergelenk aus, als es das beispielsweise beim Menschen tut.
  • Im Selbstversuch wurden die Arme kaum belastet. Es gab entsprechend „nur“ Beeinträchtigungen und Schmerzen am Kopf und entlang der Wirbelsäule bis in die „Hinterhand“. Beim Pferd dürften die Beeinträchtigungen durch das feste Kiefergelenk an der Vorhand aber deutlich spürbar sein.
  • Pferde, deren Hufstellung und/oder Beschlag nicht optimal sind, werden zusätzlich „von unten“ beeinträchtigt. Gelenke und Wirbelsäule müssen in diesem Fall deutlich mehr kompensieren.
  • Der Unterkiefer wird bei falscher Anwendung des Nasenriemens/Sperrriemens noch stärker fixiert
  • Das Pferd bringt meist mehr als nur 8 Minuten Leistung

Fazit

Sich mit geschlossenem Kiefer sportlich zu betätigen ist sehr unangenehm. Man spürt, wie sehr der Körper blockiert, wenn man den Kiefer nicht bewegen kann. Außerdem fühlt sich jeder Bewegungsstoß ungefedert an. Mit geöffnetem Kiefergelenk fängt man diese Bewegungsstöße anders ab. Es ist, als würden die ersten beiden der „6 Beine“ (siehe Kasten) fehlen und damit läuft der Körper nicht rund.

Überträgt man die innerhalb von 8 Minuten auftretenden Probleme aufs Pferd, muss jedem deutlich werden, dass das feste Zuziehen von Riemen am Maul mehr als nur ein Kavaliersdelikt ist. Das Maul fixierende Riemen sind mehr als „nur“ unbequem und damit „unfreundlich“ für das Pferd:

Nasenriemen müssen also angemessen locker verschnallt werden, wenn man nicht darauf verzichten kann. Das führt zu weiteren Fragen: Wie locker muss der Nasenriemen verschnallt sein, damit man dem Pferd keinen Schaden zufügt? Gibt es standardisierte Kontrollmethoden? Wo genau wird gemessen? Legt man die Finger dabei übereinander oder nebeneinander?

Das Lesen Sie demnächst bei Dauberg&Roth.

Skelett Pferd

Osteopathen sprechen beim Pferd von „6 Beinen“.

Die Theorie kurz zusammengefasst:

An der Wirbelsäule sind 3 Elemente aufgehängt:

  • Kopf
  • Thorax
  • Becken

Jede dieser Strukturen hat seine jeweiligen Extremitäten:

  • Kopf: Unterkieferäste
  • Thorax: Vorderbeine
  • Becken: Hinterbeine

Diese drei Einheiten können ähnliche Blockaden aufweisen, die untereinander auch in Verbindung stehen können.

  • Reply

    ulrike albrecht

    29 09 2016

    Sehr schöner artikel! Aber warum ist ein rinderschädel abgebildet?

    • Reply

      Anke Wiedenroth

      29 09 2016

      Sehr gut! Wir haben es ausgebessert. Das Foto zeigte so schön den Unterkiefer von lateral, aber es ist natürlich dennoch irreführend, den Schädel der falschen Tierart zu zeigen. Danke!

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